Ob dies wirklich der Fall ist, wird in der Regel nicht hinterfragt; aber aus dem Unwillen gegenüber dieser Behauptung backen Mediatoren ihr Brot. Versprochen wird eine einfache, schnelle und vernünftige Lösung der Trennungsprobleme. Mediatoren werben damit, ein faires Ende der Beziehung ohne Streit herbeiführen zu können.
Das klingt schön, zu schön, wie das Motto eines Kabarettisten, der “Ohne Proben nach oben” kommen will. Die Lebenserfahrung warnt, dass die meisten Ziele nicht ohne Konflikte mit anderen Menschen zu erreichen sind. Dennoch haben die meisten Menschen ein großes Bedürfnis nach Harmonie, oder anders ausgedrückt: ein großes Defizit in der Fähigkeit zum Streit. Sie hören sich deswegen zustimmend an, dass Streit oft Torheit sei, und Nachgeben klüger.
Sind diejenigen, die vor Gericht streiten, alle dumm? Warum streiten sie, wenn doch die Mediation Wege zu kennen scheint, allem Streit aus dem Wege zu gehen?
Und welche Rolle spielen Anwälte dabei, die – verwirrenderweise - nun auch als Mediatoren auftreten? Wenn vor Gericht nicht nur Dumme herumlaufen (und wie ich versichere, ist das der Fall), dann muss auch das Streiten seine Vorzüge haben. Wer streitet, versucht sich zu behaupten. Es kann sein, dass er sich wehrt, und es kann sein, dass er Ansprüche erhebt. Wer sich wehrt, versucht Ansprüche abzuwehren, vielleicht auch erlittene Kränkungen, Übergriffe, oder “nur” Herabsetzungen der eigenen Person abzuwehren. Wer angreift, macht Ansprüche jeder Art geltend, meist vertieft er eine Trennung und macht sie vielleicht auch unumkehrbarer.
Dies – die Selbstbehauptung und das Verfestigen der Trennung – kann man als die positive Seiten eines Streites ansehen. In der Phase vor der Trennung eines Paares gibt es genug Kränkungen, Gründe zu Trauer und Zorn. Aber wer sich dem Faktum stellt, dass die Beziehung zu Ende ist, hat den ersten Schritt aus der Depression schon getan. Er wird schon bald erkennen, dass aufgeräumt werden muss, dass Dinge zu klären, Schulden, Erziehungsarbeit, Einkommen und Vermögen zu verteilen sind.
Nichts macht Scheidungsprozesse so schwierig und langwierig wie eine zu früh versuchte Einigkeit.
Sie ist fast immer ein zu lange aufrecht erhaltener Schein der Einigkeit. Eheberater sagen uns, dass Ehen an der Unfähigkeit scheitern, Interessengegensätze auszuhalten und auszutragen. Diese Unfähigkeit zum Streit setzt sich im Prozess der Scheidung fort. Scheidungswillige greifen nach jeder Gelegenheit, den Schein des Friedens, gerade in einer belasteten Lebensphase, aufrecht zu halten. Hier setzt das Mediationsversprechen an, und die Kollegen, die sich dieses Geschäftsfeld sichern wollen.
Ursprünglich kommt die Mediationsidee aus den USA, wo der Scheidungsprozess noch viel stärker als bei uns durch gerichtliche Eingriffe in die Lebensführung der Scheidungseltern geprägt ist. In München wurde in den achtziger und neunziger Jahren ein, aus öffentlichen Mitteln geförderter, Großversuch durchgeführt, der zur Entlastung der Gerichte führte. Damit erschien die Mediation auf der Liste der Argumente für Etatkürzungen bei der Justiz.
In der Folge machten sich Anwälte daran, dieses vermeintliche Geschäftsfeld zu besetzen. Dabei steht die seriöse Grundidee dafür, die Parteien dazu zu bringen, miteinander über ihre wirklichen Interessen und Streitpunkte zu sprechen. Der Mediator ist dabei neutral; er verhilft dazu, genau und unter Bezugnahme auf den anderen zu reden.
Aber er schützt die Parteien nicht davor, Rechte und Positionen aufzugeben.
Er versucht gerade nicht über Positionen, Ansprüche und Rechte, sondern über die jeweiligen Interessen und echter Bezugnahme auf den Anderen in das Gespräch zu kommen. Seriöse Mediation muss dabei voraussetzen, dass die Parteien sich über ihre Positionen, Ansprüche und Rechte im Klaren, also aufgeklärt worden sind. Deshalb ist seriöse Mediation ein Modell, das zwei Anwälte, einen Mediator und – im Scheidungsfall – ein Gericht erfordert, und damit zunächst mehr Aufwand mit sich bringt, als ein “normales” Scheidungsverfahren. Schneller, einfacher und günstiger ist Mediation daher nur dann, wenn man zum Vergleich ein höchst streitiges Scheidungsverfahren über mehrere Instanzen heran zieht. Gerade in diesen, von heillosem Misstrauen und/oder dem Wunsch nach Rache geprägten Verfahren, stößt aber das Angebot der Mediation nicht auf die Nachfrage der Parteien.
Weil seriöse Mediation in “normalen” Scheidungsverfahren zu teuer ist, und in den sehr streitigen Verfahren nicht gewollt, kommt sie in Deutschland seit zwanzig Jahren praktisch nicht von der Stelle. Die Funktionäre der Mediationsbewegung machen zwar noch Wind, aber in der täglichen Praxis spielt sie kaum eine Rolle.
Stand: 09.07.2008
Originaltext: Familienrecht Mediator oder Anwalt